Die Sache mit dem IQ-Test - Kai Thrun

Die Sache mit dem IQ-Test

Nichts hat in jüngster Vergangenheit in meinem Umfeld so viel Aufsehen erregt, wie der Umstand, dass ich einen IQ-Test machte. Ich dachte mir nichts dabei, denn ich wollte ich nur wissen, wo ich denn so stehe.

Allein die Tatsache, dass man sich zu einem IQ-Test anmeldet, sorgt allerdings für Gesprächsstoff. Ein IQ-Test stand auf meiner Lifetime-Bucketlist, genauso wie irgendwann einmal Klavierspielen auszuprobieren. Es hatte mich aber in den letzten Jahren vermehrt genervt, dass ich im Berufsleben nicht verstanden werde, man mir nicht folgen kann oder ich das Gefühl hatte, dass Mitmensch gewisse Sachverhalte nicht erfassen. Klar, wir denken alle auf unterschiedliche Weise und kommen aufgrund unserer Erfahrungen auf verschiedenste Korrelationen, wenn es um das Lösen von Problemen geht.

Vermutlich suchte ich mit dem IQ-Test eine Rechtfertigung, für meine eigenen Fehlbelange, die ich so an den Tag lege. Eine bequeme Entschuldigung für dies oder jenes – das wäre etwas Schönes. Ich könnte mich zurücklehnen und ihn für alles, was schief läuft als Beschönigung nehmen.

Der Test

Ich fuhr samstagmorgens nach Hannover zum Test. Nach etwa 5 Stunden Schlaf, da ich die Nacht zuvor mir den Trennungsleid einer Freundin anhörte. Es war mir gleichgültig, ich machte den Test völlig unvorbereitet und ohne jeglichen Anspruch. Ich muss sagen, Mathematik fiel mir wirklich leicht. Ich habe in der vorgegebenen Zeit alle Aufgaben 2x gerechnet, nur um sicher zu sein, dass die Ergebnisse stimmen. Mir fiel aber auf, dass ich in der Zuordnung von Wortgattungen das Oberstübchen anstrengen musste. Der Rest war ok.

Das Ergebnis hinterlies Spuren

Nach 2 Wochen bekam ich Post. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, denn was ist, wenn die Zahl unter den Erwartungen liegt? Was ist, wenn die Zahl nicht bei den erwarteten 100 liegt? Und was ist aus den 5% Abweichung durch Tagesform? Fragen über Fragen, die sich in meinem Kopf häuften.

Ich las meinen IQ und hielt es für einen Fehler. Ich habe etwa 2 Tage gebraucht, um nicht mehr darauf rum zu denken und habe ein paar Gespräche mit Menschen geführt, die hochbegabt (in Deutschland ein IQ über 130) sind. Keine Sorge, ich bin nicht hochbegabt, denn knapp daneben ist auch vorbei.

Da war es wieder mein großes Problem. Ich bin nicht einmal hochbegabt. Ein Gefühlszustand, den ich erstmal einmal verknusern musste. Ich lebe in einem Kreis zwischen »Nichts ist gut genug« (für mich) und es nicht geschafft zu haben. In Relation gesetzt, ist dies großer Humbug. Ein überdurchschnittlich IQ sagt erstmal nichts aus. Es ist ähnlich wie überdurchschnittlich gut aussehen. Gut, mit dem Aussehen kann man wenigstens Geld auf Instagram verdienen. Es ist aber eine Sache, für die ich selbst nichts kann.

Spaß beiseite. Und deswegen schreibe ich diesen Artikel. Hochbegabt zu sein, heißt nicht, dass man superschlau ist. Es bedeutet, dass durch eine intellektuelle Begabung, für die Person bestimmte Sachverhalte schneller klar werden. Es gibt eben auch viele Inselbegabungen, die weit über die reine mentale Veranlagung hinausgeht wie z.B. die Kreativität bei Künstlern. Der Rest ist eben gesellschaftliches Gewäsch (meine Meinung).

Austausch mit Menschen mit gleichem Betriebssystem

Die Information, dass ich eventuell gar nicht jahrelang den Anschluss im Meetingraum verloren habe, hätte ich gern eher gehabt. Es erschließt sich endlich, wieso ich das Interesse verliere, wenn ich eine Sache verstanden oder abgeschlossen habe oder dort den Zenit erreicht habe. Es langweilt mich. Und ich bin nicht allein. Es gibt viele Menschen da draußen, denen es so geht! Ich habe das große Glück, einige davon gesprochen zu haben.

Das Betriebssystem ist eine schöne Metapher. Ich ticke anders, überspringe Zwischenschritte, mache mir weniger Notizen als andere und brauche privat keinen Kalender. Mein Betriebssystem hat für solche Dinge einen guten Zwischenspeicher. Ich erstelle mathematische Zusammenhänge zwischen Zahlen in einer Telefonnummer, um sie mir einfacher merken zu können. Ich kenne fast alle Preise der Produkte im Supermarkt und weiß ganz genau, wann nach der Angebotswoche ein Produkt um 5 oder 10 Cent angehoben wurde. Der Kniff ist ja folgender: Produkt kostet 99 Cent, im Angebot 79 Cent, es sind aber 33%, weil der Ursprungspreis mit 1,19€ angegeben wird. Ich dachte, das sei völlig normal, dass man diese Dinge erkennt. Scheinbar nicht.

Die Selbsterkenntnis

Es hat 38 Jahre gebraucht, damit ich erkenne: bist’n Fuchs. Und Füchse sind gar keine Rudeltiere. Es tut unheimlich gut zu wissen, dass ich anders ticke und ich nicht allein damit bin. Ich nun Menschen kenne, denen es ähnlich geht und wir uns in unseren Erzählungen mit einem euphorischen »Ja, ja! Ganz genau!« bestätigen. Ich kann nun nachvollziehen, wieso Gesprächspartner so reagieren, wenn sie erfahren, dass ich Autodidakt bin.

Dieser Test ist als reines Ergebnis minderrelevant. Er ist aber ein wichtiger Baustein in meiner Selbstfindung, die ich für die persönliche Entwicklung, aus und nach einer Depression für extrem wichtig empfinde. Und da ich an guten Tagen besonders gut darin bin, lautstark für Themen Türen einzutreten, ist dies hier mein Türtritt. Guten Tag.

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