Live wird dein Marketing auch 2018 nicht retten - Kai Thrun

Live wird dein Marketing auch 2018 nicht retten

Ich habe vor etwas mehr als einem Jahr einen Tweet abgesetzt und jetzt ist es an der Zeit mein Versprechen einzuhalten. Ich habe im Dezember 2016 behauptet, dass Live etwas zu viel Beachtung beitragen wurde.

Reichweiten-Geier

Zu jener Zeit wurde Live als Content-Format komplett durchgehypt. Alles und jeder war irgendwie Live, allerdings aus einem recht profanen Grund: Reichweite. Facebook hat Live-Videos einfach durchgewunken und selbst ein Jahr später, bekommt man z.B. auch auf Instagram eine freundliche Benachrichtigung. Das Inhaltsformat Live wurde einfach völlig inflationär benutzt, in den meisten Fällen ohne großen Sinn und mit noch weniger Verstand. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer.

Es ist gar nicht so böse gemeint, wie es vielleicht klingen mag. Die Anklage, die ich erhebe ist, dass zu viele taktisch und nicht strategisch denken. Sicher ist es eine gute Taktik, ein Format zu wählen, was vom Gatekeeper durchgewunken wird. Aber gäbe es vielleicht bessere Formate oder Herangehensweisen, die Geschichte oder die Intention, den Leser, Nutzer, Facebook-Fan zu steuern? Ich meine, wenn das so total super ist, wieso sind dann Google Hangouts on Air nicht durch die Decke geschossen? Wieso haben sich Webcams auf Partys nicht durchgesetzt, stattdessen muss es ein verwackeltes Handybild mit schlechtem Ton sein? Spannende Theorie, der ich an dieser Stelle nicht folgen möchte.

Ich kann dem Gedanken auch nicht Folge leisten, und das war meine Intention für den Tweet: Wieso sollte sich ein Format durchsetzen, welches entgegen aller gesellschaftlichen Entwicklung funktioniert?

Mediatheken, Netflix und co

Wir leben in einer Zeit, wo der Medienkonsum unproportional zunimmt und gleichzeitig individualisiert wird. Alles ist on Demand – also AUF ABRUF. Damit ich es konsumieren kann, wenn ich Zeit dafür habe, es für richtig halte oder welche Beweggründe, jeder individuell hat. In dieser Zeit soll ein Inhaltsformat der heiße Scheiß werden/sein, dass mich an einen Ort zu einer festen Uhrzeit sein lässt. Darf es vielleicht noch ein QR-Code gratis sein?

Inhalte direkt für die Tonne

Es besteht gar kein Zweifel daran, dass ein Live-Event seine Daseinsberechtigung hat. Wenn es eben etwas zu berichten gibt. Ich meine wirklich zu berichten. Silvester-Feuerwerk ist zum Beispiel eine solche Veranstaltung, die nicht berichtenswert ist. Facebook rühmt sich damit, dass 47% mehr Live-Videos zum Jahreswechsel geteilt worden sind. Das ist gutes Marketing und Augenwischerei. Fotografen kennen das Silvester-Phänomen bereits. Sofern du nicht wirklich ein richtig gutes Bild geschossen hast, interessiert sich geschätzt Niemand für deine Fotos, geschweige denn für dein (Live-)Video. Hand auf’s Herz: Wie oft hast du dir deine Videos nochmal angesehen, weil das Feuerwerk der Nachbarn so schön war? Pro-Tipp für Silvester 2018: Lasst das Telefon stecken und genießt die Zeit, sofern ihr nicht an einem außergewöhnlichen Ort seid. Ich habe exakt ein gutes Silvesterbild gesehen. Aber ich will euch sicherlich nicht das Fotografieren vermiesen.

Wo ist der Kontext geblieben?

Generell gilt die Frage für Unternehmen: Was ist das richtige Format für die Botschaft, die ich transportieren möchte? Ich verstehe, dass viele sich diese Frage nicht stellen und lieber live darüber abstimmen lassen, ob nun die rote oder grüne Tasse die Schönere ist.

Das Format Live wird für verschiedene Berufsgruppen wie z.B. Journalisten weiterhin bestand haben, die haben aber bereits in der Vergangenheit aktuelle Berichterstattung gemacht. Es schwingt hier die nicht gestellte Frage mit, ob etwas außergewöhnliches passiert ist. Etwas, was uns aus dem Alltag reißt. Ein Ereignis. Eine Live-Berichterstattung erfolgt aus dem Grund, dass gerade etwas passiert ist, was einen gemeinschaftlichen Informationswert hat, woran ein öffentliches Interesse besteht. Ich habe aber noch keinen Journalisten getroffen, der seine Berichterstattung abgebrochen hat, weil die Reichweite zu niedrig war. Was ich damit sagen will ist, dass der Fokus stärker aus dem Auslöser statt auf dem möglichen Ergebnis liegen sollte.

Ich habe übrigens mit einem Herzchen für die rote Tasse gestimmt.

Keine weiteren Beiträge