Der Gedanke meiner Wunschzeitung

Ich bin am Wochenende über die schlechte Informationsqualität von ZDF und ZEIT gestolpert. Die deutsche Zeitungs- und Zeitschriftenlandschaft verkommt zur Boulevardpresse. Denn auch die WELT oder ­der SPIEGEL fallen hin und wieder in dieses Raster. Jeder wird in seinem Umfeld einige Redaktionen haben, die er als enttäuschter Leser verlassen hat. Ich habe es satt und möchte mich mit diesem offenen Brief an die Verlagshäuser wenden.

Liebe Verantwortlichen, Vorstände, Redaktionsleiter und Journalisten,
nach dem Vorwort möchte ich Ihnen mitteilen, dass diese Titel nur stellvertretend stehen für Ihren Berufsstand. Die Diskussion zwischen Bloggern und Journalisten hat Ihnen nicht gut getan. Das Einzige, was ich aus Ihren Reihen von Zeit zu Zeit lese ist, dass Sie Symptome bekämpfen wollen währenddessen um das Problem einen großen Bogen gemacht wird.

Die Qualität der Inhalte hat rapide abgenommen. Ich will ja gar nicht bestreiten, dass Sie vielleicht Leserzuwachs dabei verbuchen konnten. Ich habe allerdings keine Lust mehr, mir Nachrichten durchzulesen, die von der Quelle der Quelle der Quelle der Quelle abgeschrieben worden sind. Womöglich kommen Übersetzungs- und Interpretationsfehler aus Unwissenheit des Redakteurs dazu. Dies passiert natürlich relativ selten, sodass es allein in diesem Jahr vermehrt zu Rechtschreibfehlern im Nachrichtenticker von N24 gekommen ist. Prominentestes Beispiel dürfte es wohl sein, dass Osama neuerdings Briefe empfängt. Oder aber Obama Bin Laden getötet worden ist, zumindest wenn ich FOX News Glauben schenke.

20. März 2011: Gadaffi schreibt an Osama - Danke @inpressulum für die Bereitstellung des Bildes

Es stören mich dabei mehrere Sachen. Man muss nicht immer der Erste sein, auch wenn weiß, dass es gute Zugriffszahlen generiert. Eine Überschrift ist jedoch für mich noch kein Artikel. Ein Tweet mit “gleich mehr auf XY” ist zwar nett, aber irgendwie habe ich den Eindruck: Ok, die schreiben da mal eben was runter.

Wieso kann man nicht objektive Nachrichten bringen?

Diese Frage stelle ich mir seit Langem, weil das Thema nicht ein Phänomen der letzten Wochen ist. Geld kann kein Argument sein, denn es werden auch in den Verlagshäusern sicherlich genug Geld für “Mist” rausgeworfen.

Ich würde es sehr interessant finden, wenn es einfach nur mal Nachrichten gibt. Einfach nur Nachrichten. Nicht mehr und nicht weniger. Es wird einfach nur “langweilig” darüber berichtet, was geschehen ist. Ich würde mich auch über Einschätzungen der Redakteure freuen, eben welche Vorteile oder Gefahren Sie sehen. Diese Einschätzungen müssten aber auch als solche gekennzeichnet werden. Dies hat vielleicht etwas von Bloggen, aber dann ist das eben so.

Ich mag diese Superlativen nicht mehr leben. Teilweise sind die Artikel so propagandistisch geschrieben, dass ich fast Angst habe, dass demnächst Flugzettel vom Himmel fallen. Wenn diese nicht mehr helfen, dann machen wir das Internet eben mit Klickstrecken voll. Das ist auch eine gute Strategie. Wenn Klickstrecken nicht funktionieren, machen wir irgendwas mit nackter Haut. Sex sells since 1387.

Es geht doch schon lange nicht mehr um Nachrichten. Es geht um Meinungen und eine Meinungshoheit. Es geht um Manipulation im eigenen Interesse. Diesen Vorwurf muss ich Ihnen machen. Was ist eigentlich gegen Qualität einzuwenden?

Meine Vision eines Nachrichtenportals, einer Zeitung oder Redaktion ist folgende:

  • Die Artikel sind recherchiert
  • Der %-Satz der abgeschriebenen Artikel aus US-Medien hält sich unter 10%
  • Sie beschränken sich auf die Fakten
  • Sie verzichten auf Superlativen
  • Klickvieh-Strecken bleiben draußen
  • Subjektives wird als solches gekennzeichnet
  • Die Artikel haben eine Aussagekraft

Die Artikel sind recherchiert
Wie am Anfang erwähnt, kann ich mir die Artikel der US-Blogs selbst übersetzen. Das wird sehr problematisch, wenn man selbst nicht fit im Thema ist.

Der %-Satz der abgeschriebenen Artikel aus US-Medien hält sich unter 10%
Man kann nicht immer die Quelle sein, keine Frage – das verlange ich auch nicht. Aber 80-90% seines Contents mit Abschreiben zu generieren, ist auch nicht wirklich eine herausragende Leistung.

Sie beschränken sich auf die Fakten
Ich will keine Spekulationen lesen. Ich will mich nicht verarschen lassen, dass es im Irak Massenvernichtungswaffen gibt. Ich will nichts vom bösen Facebook lesen. Dass eine religiöse Figur im Parlament spricht, ist in Europa ok, woanders in der Welt aber nicht akzeptabel.

Sie verzichten auf Superlativen
Ein Nachrichtenblatt muss zwar auch um seine Leser buhlen, aber es ist kein Marketingschlachtfeld. Dies mögen Verlagshäuser nun anders sehen. Superlativen werden gern zur Meinungsmache eingesetzt. Leider.

Klickvieh-Strecken bleiben draußen
Print meets Web. Dank IVW-Verfahren und anderen Messungen zählen wir in PageImpressions. Da kann ich aus einer Galerie mit 20 Bildern 21 Klicks generieren, dass eine bessere User Experience möglich wäre, steht außer Frage.

Subjektives wird als solches gekennzeichnet
Es ist nichts gegen die Meinung eines Redakteurs einzuwenden. Es kann auch ein entscheidender Faktor zur Qualität des Beitrags sein. Es geht mir gegen den Strich, dass bestimmte Themen direkt in eine Schublade geschoben werden. Arbeitslose sind dumm, Facebook ist böse, der Nahe Osten ist böse und Asiaten werden die neue Angstnation werden. Ich stelle es so vor, dass nach den Fakten ein Abschnitt “Einschätzung” kommt. Ich hätte dann die Wahl, ob ich der Einschätzung des Redakteurs folge oder mir eine eigene Meinung bilde.

Die Artikel haben eine Aussagekraft
Es wird leider auch viel inhaltsloser Kram produziert. Online wie im Print. Man liest einen Artikel und fragt sich, was das jetzt genau soll. Eine typische Aussage ist “Jetzt bin ich genauso schlau wie vorher”, diese Momente werden viele von uns kennen.

Im Grunde hätte ich gern eine Zeitung, die sich auf die Fakten beschränkt. Gerade im Internet, denn ich habe keine Zeit. Deswegen kann ich mir Unwahrheiten und trügerisches Geschreibe nicht leisten, so sollte man meinen. Mich würde es brennend interessieren, was dabei rauskommt, wenn man mit einer Redaktion über 12 Monate einen solchen Versuch geht. Neben dem Werbungsmodell könnte man auch eine zahlungspflichtige Version machen, mit ein paar Features – nach dem Zahle was Du willst-Prinzip?

Ich für meinen Teil würde vermutlich glücklicher Leser werden und ich bin sicher nicht allein.

(Visited 73 times, 1 visits today)
Keine weiteren Beiträge

Send this to a friend