Verhaltensmuster eines RIPstorm: Wenn berühmte Menschen sterben 2.0

Immer, wenn eine berühmte Person dahin scheidet, entsteht eine Bewegung im Netz. Die massenhaften Mitleidbekundungen überschwemmen die Portale. Der Name der prominenten verstorbenen Person ist binnen Minuten in den Themencharts. Brace yourself Ripstorm is coming.

Es ist ein typisches Massenphänomen, allerdings hat es dieses Verhalten auch vor den Social Networks schon gegeben. Ihr werdet dieses Verhalten in einem anderen Kontext erkennen: „Die Zeitungen sind voll davon“, hieß es früher immer. Ein Thema kursiert auf der Titelseite aller Zeitungen: ein Foto, eine Überschrift, ein Ereignis. Der Unterschied zwischen früher und heute ist, dass man mit mehreren Personen in Interaktion steht.

Online-Katalysatoren

Nehmen wir Twitter als Beispiel, stellvertretend für alle Netzwerke, wo diese Art von Inhalten publiziert werden. Es ist ein Rest in Peace-Tweet mit dem Namen des Verstorbenen. Danach folgen wahllose Mitleidsbekundungen, auf denen demnächst ein Vorschlagsservice basieren könnte. Ich möchte dies aber gar nicht bewerten, es steht mir nicht zu, anderen zu sagen, was sie zu schreiben oder zu lassen haben. Während man sich in Falle von Freddie Mercury noch am Frühstückstisch darüber unterhielt, dass es tragisch und schrecklich ist, tut man dies heute eben online. Wir haben es alle also in irgendeiner Form schon immer getan und werden es auch immer tun. Wenn es nur gerade 400 Leute auf einmal tun und damit meine Timeline sprengen, dann ist das heute eben so. Es fühlt sich intensiver an, dabei hat sich nichts geändert.

Falsche Reaktion von Medienprofis

Was ich bei der Intensität vermisse, sind die Medienprofis. Also jene, die vermeidlich wissen sollten, was zu tun ist. In der Regel initiieren diese dann einen Gegentrend. Man echauffiert sich über die Beileidsbekundungen und verschafft ihnen somit Aufmerksamkeit. Da würde ich dann fragen, warum so negativ?

Die richtige Reaktion ist doch, wenn mich etwas nicht interessiert, und da lasse ich mich gern korrigieren, es einfach zu ignorieren. Als Medienprofi muss ich doch wissen, wie man ein solches Ereignis erfolgreich umschifft. Wenn jeder 2. Beitrag das Thema behandelt und ich nicht in der Lage bin, meinem Tagesgeschäft nachzugehen, muss ich mich doch selbst hinterfragen. Stattdessen wird der Allgemeinheit (damit sich auch ja niemand angesprochen fühlt) ein Vorwurf gemacht.

Als ob man im Internet alles für bare Münze nehmen könnte. Ich bitte euch. Gerade die, die es am Besten wissen müssten.

Lean-Back Konsum

Ist es wirklich so einfach, dass wir bei einem eher konsumierenden Inhalt in einfache Muster verfallen? Lean-Back consumption / attitutde oder nur leanback beschreibt uns bei unserem (Medien)Konsumverhalten. Eine geistige Haltung, wie wir Inhalte aufnehmen. Es geht dabei ganz grob darum, welche Hirnregionen angesprochen werden, wenn wir auf einen bestimmten Inhalt reagieren. Storytelling und die verschiedensten Marketingformen (Content, Permission, Behavour..) gehen alle in diese Richtung. Virale Inhalte werden in der Regel in einer zurückgelehnten Haltung konsumiert – Ausnahmen bestätigen die Regel. Das Gegenteil ist die „vorgebeugte Haltung“, die beschreibt sich aktiv (und vor allem denkend) mit einem Inhalt auseinanderzusetzen. Dies sind meist Dinge, bei denen man sich Gedanken machen muss, bevor man darauf reagiert.

Der Tweet wurde über einen FakeTweet-Service erstellt und verbreitet

In dem zurücklehnenden Teil fallen auch Dinge, die hinterher revidiert werden: „Es war doch nur Spaß„, „es war nicht so gemeint„, „ich hab’s einfach nur geteilt“ sind nur einige Beispiel-Antworten, wenn man fragt, wieso der Fake-Tweet von Paris Hilton geteilt wurde. Eine interessante Assoziationskette, wenn man es in Einzelteile zerlegt. Ihr öffentliches Ansehen ist eher gespalten und viele halten sie scheinbar für dumm. Dies ist Grundvoraussetzung dafür, dass man ihr zutraut, Nelson Mendela mit Martin Luther King zu „verwechseln“. Es reicht demnach aus, dass Vorurteile in einer überdurchschnittlichen Situation bedient werden, um dies als Wahrheit anzuerkennen, sofern das Muster einer Massenbewegung erfüllt ist. Dabei ist es völlig gleichgültig, was man gelernt, studiert oder von Beruf macht.

Mit gutem Beispiel voran

Ob der Tod ein leanback-Phänomen ist? Ich würde es mit ja beantworten. Es gibt eben keine positiven Assoziationen mit dem Tod eines Menschen. Die Reaktion, die im Netz stattfindet, sind gesellschaftlich verankerte Verhaltensmuster und hat weniger etwas mit Angeberei zu tun. Es ist nicht schön, es gibt nichts zu klatschen und wir Menschen suchen uns immer Gleichgesinnte. Und es gibt dann eben in den Netzwerken „gleich gesinnte“, die uns vielleicht ein Stück weit verstehen. Wir wenden uns immer an Menschen, die uns ähnlich sind, dazu an anderer Stelle demnächst mehr. Abgesehen davon wird im Netz ja inzwischen jede Art von Erfolg (Verbreitung) als Angeberei bewertet, weil wir Deutschen eher zum Neid neigen.

Medienprofis bleibt im Prinzip nicht viel übrig als auf den guten Mahatma Gandhi zu hören: „Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese (Online-)Welt.“

Abschließend

Ich halte die eine oder andere Äußerung sicherlich auch für überzogen. Ich kann es mir aber nicht anmaßen, über die Gefühlswelt eines Anderen zu urteilen. Natürlich hat man die Person in der Regel nicht gekannt, es hat mich auch nicht davon abgehalten über Steve Jobs Tod zu bloggen. Obwohl es abzusehen war und ich Steve nicht persönlich kennengelernt habe. Ich habe keine tiefe Trauer empfunden, aber mir war danach es loszuwerden. Es wird sicher noch 2-3 Prominente geben, deren Ableben mich irgendwann mal bewegen wird. Dann möchte ich auch nicht, dass mich Leute mit einem falschen Maßstab (nämlich ihrem) bewerten.

Es wird immer Menschen geben, die es mit der Theatralik übertreiben. Aber die gibt es außerhalb des Internet eben auch. So ist das nun mal. Wir sind nicht perfekt. „Die“ nicht. Du nicht. Und ich sowieso nicht.

Brace yourself Ripstorm is coming.

Bildnachweis: genervter Geschäftsmann am Notebook, Shutterstock

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