Snapchat, diese Video-Chat-Plattform, die irgendwie niemand so richtig versteht, aber die nicht wieder weg geht. Snapchat ist für mich ein Synonym dafür geworden, wie schlecht es teilweise im Social Media Umfeld bestellt ist. Es tun sich Abgründe auf.

Snapchat ist also dieses Bild/Video-Chat-Dingens, was irgendwie in die Köpfe der älteren Leute nicht hinein will. Dabei geht aus irgendwelchen amerikanischen Studien hervor, dass dort die 13-25 Jährigen sind. Unabhängig davon, ob ich ein Produkt für diese Alterskategorie habe, muss ich da sein. Snapchat ist unheimlich authentisch, und all die anderen Theorie-Phrasen, die sich Leute seit Jahren gegenseitig erzählen. Bei authentisch muss ich meist lauter lachen als bei Mehrwert, aber sei’s drum.

Wisst ihr, was dabei das Problem ist? 2011 ist 5 Jahre her und ihr erzählt immer noch die Märchen von Mehrwert. Den Mehrwert kann man dann in ein Dutzend (mehr und meistens weniger) Formen differenzieren, weil irgendwie muss man sich die KPI schön reden. Anstatt einfach mal in den Kopf zu bekommen, dass der Mensch keine rationalen Entscheidungen trifft und somit eure ganze Beratungsschiene irgendwie Unfug ist. Angekommen in 2016 fällt einem dann plötzlich Snapchat vor die Füße. In den USA tut man es einfach, berichtet Richard Gutjahr.

Ganz ehrlich? Ich bin schockiert. Über die verbale Disqualifizierung vieler Social Media Akteure. Erst wollte man Snapchat nicht verstehen und dann macht es keinen Sinn. Irgendwie machte es 2 Wochen später immer noch keinen Sinn, und es ist immer noch da. Jetzt wissen alle auch irgendwie nicht – oder was ist die Lösung?

Snapchat sei nicht beständig, heißt es dann. Es ist flüchtig. Die Snaps verschwinden nach 24 Stunden. Ephemeral Marketing ist ein Thema, was ich im Ansatz gut finde. Was ich mich aber frage, ist: Glaubt ihr den Blödsinn eigentlich, den ihr so über den Äther haut? Aus was bitte entsteht denn eine Geschichte? Eine Marke? Die Bildung eines Markenkern? Waren wir uns nicht einmal darüber einig, dass eine Marke sich als die Summe aller Interaktionen und Erlebnisse beschreiben lässt, die ein Konsument mit unseren Produkten, Dienstleistungen und Personen hat? Es geht doch um Emotionen und Beziehungen, die uns als großer Bestandteil einer (Marken)Geschichte dient. Und ausgerechnet die Interaktion soll mit Snapchat nicht gehen? Ich sag mal so: interessante Sichtweite. “Ich habe in einem Facebook-Beitrag von 2012 gelesen, dass…” – sagte niemals irgendjemand. Dies zum Thema Flüchtigkeit.

Es könnte auch einfach sein, dass Snapchat einfach nicht in den Marketing-Mix passt. Zum Beispiel, weil das Unternehmen/ die Marke nicht die passenden Akteure, Ressourcen als auch in erster Linie, nicht im aktuellen Jahr geistig stattfindet. Das ist ja ok, aber daran muss sich ein Innovator und Early Adaptor (Europa ist nun mal 1-3 Jahre hinter den USA) gewöhnt haben, dass die Gegenwart meist noch anders tickt.

Ich drehe die Situation aber gerne einmal um. Snapchat ist total cool und macht Spaß. Ist euch mal in den Sinn gekommen, dass so ein 13-25 Jähriger sich selbst darauf einlassen muss, euch aktiv zu adden? Ihr könnt euch nicht mal mit Marketinggeldern Fake-Follower kaufen. Ja, genau – da muss im Kopf des Teenagers bzw. Twens eine aktive Handlung (aka Lean Forward) getätigt werden. Die Empfehlen euch weiter – that’s it. Das passiert übrigens nicht, wenn der Content Bullshit ist. Was Bullshit ist, entscheidet übrigens der Freund aka Follower, der euch nicht mehr folgt und oder nicht weiterempfiehlt. Ich gebe zu – auf Snapchat gibt es viel Müll. Mein Account ist übrigens auch 9/10 Snaps Müll, dass macht mir aber nichts.

Snapchat als Chance

Ich sehe Snapchat als riesige Chance für die Generation 30+ (ja, ihr Alten die angeblich zu alt dafür sind). Wieso? Weil der Video-Kram nicht weggeht. Er wird nicht verschwinden. Ihr werdet entweder mit der Zeit gehen oder mit der Zeit gehen. So einfach ist das. Wie lange habt ihr die YouTube belächelt, dass dieser BeautyPalace ja quatsch ist. Heute schlägt das Ding euch auf all euren KPIs und ihr findet andere Ausreden. Spätestens nachdem Bilou die Regale im dm leer geräumt hat, wird klar, dass man damit eine Münze machen kann, oder?

Zurück zu Snapchat. Wenn ihr euch entschieden hat, dass Snapchat nichts für euch ist (geht auch ohne Social Media Post darüber), dann bietet Snapchat eine wunderbare Möglichkeit: Gewöhnt euch an den Video-Kram. Dies hat nichts damit zu tun, ob jemand extrovertiert ist. Du kannst als Absender aussuchen, wem Du welchen Snap schickst. Was sich aber nicht ändern wird: Video wird nicht gehen! Wenn Du deinen (Social Media) Job noch länger als 3 Jahre machen möchtet:

EDUCATE YOUR FUCKING SELF!

Es führt kein Weg daran vorbei, andernfalls wirst Du da sitzen und sagen: Verstehe ich nicht. Sich zu alt fühlen, ist ok. Es nicht nutzen, ist ok. Das ist wirklich ok. Was nicht ok ist, die eigene Unwissenheit als Ausrede zu benutzen.

Das Smartphone ist das wichtigste Endgerät der aktuellen Zeit. Daher sehe ich es als elementar, dass Social Media Leute wie selbstverständlich, irgendwas in die Frontkamera des Smartphones sprechen. Es ist eben auch euer Job, am Puls der Zeit ganz vorn dabei zu sein, liebe Innovators und Early Adopters. Ihr seid nun mal die 13-18%, die vor dem Tipping Point stehen. Ihr seid es nun mal, die beraten wollen (und durch den Vorsprung ein wirtschaftliches Nutzen haben).

Mach dir also wieder eigene Gedanken. Im stillen Kämmerlein. Ja, es kann passieren, dass man dann auch mal falsch liegt. Das ist das Risiko dabei, wenn man sein eigenes Oberstübchen bemüht.
Pack also deine Social Media Tipps 2009 ein. Grundlagen mögen geblieben sein, der Rest hat sich fundamental (und rasant) geändert. Die Sache mit dem Mehrwert ist ja im Geschäftsumfeld nett und verkauft sich sicher gut, aber wie oft kommt die Kombination Mehrwert und Reichweite denn vor? Ich frage für Mademyday, die ständig irgendwie Interaktionsrankings anführen. Achso – Interaktion war in dem Fall sicher gerade keiner deiner KPIs? Wie viele Virals hast Du schon mit Mehrwert rausgehauen? Dass Menschen auf der Suche nach Mehrwert ist sicher genauso richtig, wie Menschen rationale Entscheidungen treffen.

Ich wünsche mir daher, dass wieder mehr Akteure auf den Plan treten. Leute, die sich eigene Gedanken machen. Ich muss euch nicht mögen, ihr müsst mir nicht zusagen, aber dem Rest höre ich nicht mehr zu. Oh – zuhören. Das geht über – Aufmerksamkeit. Leute, die meine Aufmerksamkeit erregen, denen schenke ich ggf. meine Zeit. Vielleicht nicht nur einer Person. Vielleicht schenke ich meine Aufmerksamkeit auch einer Marke…

9 Responses

  1. Romy

    Mir macht Snapchat voll Spaß und im Schnitt habe ich mittlerweile 100-120 Views auf einen Snap. Das ist für mich schon viel, vor allem weil ich nun nicht dauernd snappe wie vielleicht Jüngere. Zur Zeit ist mein Leben mit Pendeln zum Büro auch eher gähnend langweilig. Aber auch das kann man zu einem Thema machen. 🙂

    Snapchat ist nun seit rund 9-10 Monaten Teil von mir und ja, es geht nicht mehr weg!! Gott sei Dank.

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    • Kai Thrun

      Ich habe keine 100 Views pro Snap. Ich versuche lediglich nicht jeden Müll zu snappen und so richtig die Kurve habe ich erst seit dem FBCamp.
      Gut finde ich tatsächlich, dass man nicht so viele Zahlen zum Jonglieren hat. Allerdings hatte ich schon einen eigenen Geo-Filter 😀

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  2. Tom Ruthemann

    Ich stimme Dir an den meisten Stellen zu, Kai, und möchte noch einen Gedanken dazu geben: Vielleicht sollten wir uns mal daran gewöhnen, dass es auch virtuelle Räume gibt, zu denen wir als Marketing-Menschen keinen Zugang haben. Es auch nicht sollen – eine Art Schutzraum für junge Leute. Die Frage ist doch letztendlich, ob wirklich alles und jedes von der ach so wichtigen Markenbotschaft okkupiert werden muss?!

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    • Kai Thrun

      Lieber Tom,

      den Raum wird es glaube ich immer geben, den hat es zu meiner oder deiner Zeit auch schon gegeben.
      Was aber das Marketing betrifft, zitiere ich Gary Vaynerchuck: Marketeers ruins everything.

      Letztlich dürfen wir auch alle nicht vergessen, in welchen Zeiträumen wir sprechen. Social Media 10 Jahre zurück, da diskutierte man noch darüber, wieso man zu Facebook sollte, wo doch alle bei StudiVZ sind…

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  3. FritzIv

    Ich würde gerne mehr konkrete Argumente lesen. So höre ich die Propaganda, aber finde nichts Überzeugendes.
    Z.B. “Waren wir uns nicht einmal darüber einig, dass eine Marke sich als die Summe aller Interaktionen und Erlebnisse beschreiben lässt, die ein Konsument mit unseren Produkten, Dienstleistungen und Personen hat?” Rhetorische Frage, die man leider entgegen der untergeschobenen Erwartung mit einem dicken Nein beantworten muss. Marke bildet sich in der Konsistenz, auch entlang von Relevanz und Penetranz, aber nicht einfach als Summe nach dem Motto “viel hilft viel”.
    Dass die Videokommunikation die absolute Vorherrschaft antritt, hängt ja nicht mit Snapchat zusammen und Snapchat ist da eher der Trendfolger als der Trendmacher. Clips versenden kann ich auch auf anderen Kanälen und im Zweifelsfall viel unbeschränkter und wirksamer (siehe dazu hier von gestern http://bit.ly/20xfw4k ). Man muss doch eher fragen: Wo geht das denn noch nicht?! Und Live-Video, Skype und Hangouts kommen noch obendrauf.
    Ich könnte mir wie Tom Ruthemann vorstellen, dass Snapchat nur von Dauer ist, wenn es ein echtes Freunde-Medium bleibt. Es scheint näher an der personalen Kommmunikation zu sein als an der Massenkommunikation wie FB oder Instagram. Ich habe aber keine Ahnung, wie sich Snapchat noch wandelt. Es beginnt ja die übliche Hochrisiko-Partie zwischen verführerisch hohen Nutzerzahlen, hohen Kosten, abbrennenden Investorengeldern und Wachstumszwang. Zuletzt wurde das Paradox gemeldet, dass die Werbeplätze auf Snapchat billiger werden, obwohl die Nutzung steigt, was auf einige Probleme hindeutet: http://cnb.cx/20xgIog – du siehst, dass selbst in den USA, wo Snapchat ja tatsächlich schon ein dickes Ding ist, aus Markensicht einige Fragen gestellt werden (“The other problem is that Snapchat’s young audience isn’t desirable for many brands, several sources contended. The majority of users are under the age of 25, and although their older millennial (25 to 35) base is growing, it doesn’t have the same concentration levels as Facebook, YouTube and Twitter”).
    Es ist ja immer die Frage, was man wo bei wem erreichen will. Snapchat liefert offenbar noch keine adressierbare Zielgruppen außer “Snapchat-User” – da kann man sich noch eine Weile zurücklehnen und muss nicht viel mehr tun, als die Plattform auszuprobieren. Ich bin da eher Agnostizist als gehorsamst vorauseilender Early-Promoter.
    Nun zum Positiven. Dieser Satz hier von dir hat mich neugierig gemacht: “Snapchat ist für mich ein Synonym dafür geworden, wie schlecht es um teilweise im Social Media Umfeld bestellt ist. Es tun sich Abgründe auf.” Da ist ja einiges dran. Bei Facebook soll es schon eine Sondereingreiftruppe geben, die sich mit der rapide sinkenden Bereitschaft eben dieser Generation Snapchat befasst, noch irgendetwas Dauerhaftes in Facebook zu posten. Die öffentliche Mitteilungsfreude geht insgesamt zurück – und Snapchat scheint genau deshalb als anti-öffentlicher Clip-Chatroom so attraktiv zu sein.
    Alle diese schönen, aber nicht lebensnotwendigen Apps funktionieren ja für die meisten Menschen wie früher die elektrische Eisenbahn. Man spielt damit eine Weile, dann merkt man, wie langweilig das ist. Gestern habe ich angefangen mit Plag zu spielen. Tolle Sache (wirklich gut gedachte Mechanik), aber eben nur Spielzeug. Snapchat scheint mir auch so ein Spielzeug zu sein, richtig nützlich nur für geheime Liebes- & Hassbotschaften, Aufgaben vorsagen, sich über Lehrer im Stil Böhmermanns lustig machen etc. Wenn ich Schüler wäre, würde ich auch sagen: GE-NI-AL!!! Ich könnte jeden Scheiß per Handy weitergeben, und nie können mir Vater Mutter Lehrerin was beweisen. Immer war nichts gewesen. Wenn das der Primärnutzen ist, dann ist das eine schöne Sache, aber letztlich eine Nische, in der Marketing auf sehr hohe Reaktanz stoßen wird. Würde ich vermuten, but we will see …

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  4. Marion Bressler

    Hi Kai,

    Danke für deine Zeilen! Wir sind mit unserer Marke/Firma POWERVOICE seit 3 Monaten auf Snapchat und ich denke mir immer wieder – warum hab ich das nicht schon viel früher gemacht 😉 Snapchat ist für mich nicht mehr wegzudenken. Ich liebe es und es macht tierischen Spaß! Snapchat rockt!

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  5. Floyd

    Auf wen bist du eigentlich konkret wütend? Sauer? Oder setzt du eine gespielte Wut als Stilmittel ein? Wenn nein würde ich gerne Quellen wissen, auf die sich dein Umnut stützt? Welche Social Media Experten nehmen Snapchat nicht ernst? Übrigens bin ich nicht der Meinung, dass jeder Social Media Experte vor ein Mikrofon oder vor die Kamera muss.

    In Summe ist dieser Artikel ist das seltsamste, was ich in letzter Zeit in Bezug auf Social Media lesen musste.

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    • Kai Thrun

      Wütend bin ich auf niemanden, über das Stadium bin ich vor Jahren hinaus. Selbstverständlich könnte es mir egal sein, aber ich mag diesen Einheitsbrei nicht mehr hören. Ich weiß auch, dass die Leute, die es betrifft, den Artikel vielleicht lesen, aber darüber nur offline sprechen werden. Dazu bin ich lang genug dabei.
      Ich bin auch der Meinung, dass man nicht überall seine Nase rein halten muss. Es gibt ja auch Berater/ Experten, die recht leise durchs Social Web schreiten, wo man aber weiß, dass dahinter gutes Business steckt.

      Das macht nichts – ich würde jedem das selbe auch offline so sagen

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  6. Anderer Max

    1. Schade, dass Unternehmen hier in den Kommentaren werben dürfen (Marion Bressler).
    2. Wayne? Ob es nun Snapchat heißt oder sonstwie. Die Dinos sterben eh, egal wieviele Abgesänge auf Innovationen sie publizieren.

    Ich nutze garkeine SM Kanäle mehr, aber das ist auch egal.
    Kompetenz fällt auf, auch ohne Snapchat, Facebook oder StudiVZ (mega-rofl yo).

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