Twitter, wenn weniger einfach mehr ist

Ich habe lange überlegt, ob “schreiben oder schweigen”. Schweigen ist ja eigentlich nicht so meine Sache, haben böse Zungen mir geflüstert. Meine Gedanken kreisen um das Wochenende, Aktionen und Reaktionen, Meinungen, Kommentare, Bilder, mediale Hysterie, Reizüberflutung. Ich fühle mich mit den ankommenden Informationen überfordert, erschlagen und vielerorts fehl informiert. Nicht gewachsen wäre vielleicht ein passender Ausdruck.

Das Bild, welches Twitter abbildete, zeichnete mehrere Dinge ab. Die Klugscheißer und Pseudo-Weltverbesserer liefen vorne weg und laufen immer noch. Ich habe in meiner Timeline Atomphysikern. Es ist auch unglaublich, wie vielen „Schläfer-Ökos“ ich folge. Die Lehre, die ich daraus ziehe – wir sind noch lange nicht so “kompetent” mit den Medien, wie wir es uns vorgaukeln. Fehler gehören dazu, ohne Frage! Dies kann man ganz gut an den Fehltritten einiger Unternehmen ableiten. Sei es nun Bing mit dem $1-Retweet, Groupon mit der 2€-Sammeldose oder den von der WELTKompakt geäußerte Godzilla-Tweet. Letzteres schreit eigentlich danach die Silent Steward-Reihe fortzusetzen.

Ohne Frage, was derzeit auf dem Planeten geschieht, ist unvorstellbar. Ich kann es mir zumindest nicht ansatzweise vorstellen. Die Impressionen, die man vor Ort einnimmt, wirken ganz anders als am TV. Diese einfache Erkenntnis habe ich 2002 gemacht als ich auf einem Sandsack-Wall stand und ruhige 3km Wasser vor mir hatte. Wenn ich die aktuellen Bilder betrachtet, umgibt mich Ratlosigkeit. Ratlosigkeit mit der ich nicht allein bin, wenn ich mir die sozialen Netzwerke ansehe – verständlicher Weise.

Die Netzwerke wie XING, LinkedIn, Facebook oder Twitter. Das ich in Bezug auf diese Plattformen noch mal das Wort “social” oder gar “sozial” benutze, diesen Zahn habe ich mir hoffentlich gezogen. Natürlich sind die Netzwerke nicht besser als die Realität, aber sie zeigen auf beeindruckende Weise, was eigentlich auf der Welt los ist. Ein gutes Beispiel ist ein Blick in die USA bei Facebook.

Im Unternehmensbereich habe ich lange über die “Groupon-Aktion” nachgedacht. Wenn Du einen bestimmten Deal bei Groupon kaufst für 2€, dann legt Groupon noch 2€ drauf. Sehr lobenswert oder? Ich mag es zumindest mal in Frage stellen.

Groupon versucht zu helfen. Ich stelle mal spitz die Frage, was das genaue Problem ist, dass es nur bei einem Versuch bleibt? Kann man sich auf keine Summe einigen? Ist niemand da, der einen Überweisungsträger ausfüllen kann? Ich finde es richtig und wichtig, dass Japan geholfen wird – das steht außer Frage. Ich mag es aber zur Diskussion stellen, ob es moralisch verwerflich ist, wenn man da noch eine Marketing-Aktion raus zieht. Groupon muss sich die Frage gefallen lassen, wenn sie etwas gutes tun möchten, wieso sie nicht schlicht 25.000, 50.000 oder 100.000 Euro überweisen? Tut doch einfach das Richtige, wir werden es schon zur Kenntnis nehmen.
Ich möchte aber Groupon keine Boshaftigkeit unterstellen, eine Debatte darüber sei mir aber gestattet.

Ähnliche Fragen musste sich BING ebenfalls gefallen lassen. Allerdings hat man dort noch mal richtig die PR-Maschine angeworfen. Ende vom Lied waren wüste Beschimpfungen und Microsoft hat die 100.000 US-Dollar direkt überwiesen. “Und das ist auch gut so”.

Microsoft hat die Kurve noch bekommen

Es hat fast den Eindruck als seien wir bereits die Geiseln unserer selbst. Libyen ist aus den Nachrichten verschwunden und Gadaffi schlachtet “in Ruhe” seine Nation ab. Ich möchte nicht wissen, was sonst so in politisch dunklen Ecken getrieben wird, während die Welt auf Japan schaut.

Ich denke ähnlich wie schon bei L’TUR und Ägypten verfahren Unternehmen und Marken ganz gut damit, wenn man nicht dem Aufmerksamkeits-Hype folgt. Wie ich bereits oben erwähnt, wird eine gute Tat ohnehin zur Kenntnis genommen. Diese Erkenntnis ist sicherlich nicht neu, die Reaktionen unterstreichen jedoch, dass die Leute darauf auch „kein Bock“ haben (Marketingverantwortliche dürfen sich angesprochen fühlen).

Es ist schon blanke Ironie, dass man ausgerechnet den Japanern die Tugend des Schweigen nachsagt, während wir uns um Kopf und Kragen twittern. Nur um 5 Minuten Ruhm in der Halle der Meinungshoheit zu erhalten. Beschämend.

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