Serdar Somuncu: Der Hassprediger live [Review]

Vergangene Woche spielte predigte der Hassprediger, Serdar Somuncu, in Hannover. Serdar Somuncu ist sicherlich vielen als der Kabarettist mit türkischer Abstammung bekannt, der aus mein Kampf vorgelesen hat. Immerhin tat er dies 1428 Mal.

Somuncu – die Person

Aber es ist kein Kabarett mehr, was er abliefert. Er betont auch eingehens, dass er sich nicht in eine Schublade stecken lässt. 2,5 Stunden später bin mir bewusst: Der Mann hat mal wieder Recht gehabt. Ich mag Serdar Somuncu, weil er sich sehr gewählt ausdrücken kann ohne dabei an Authentizität zu verlieren. Er stellt seine Meinung oftmals sehr differenziert dar und spricht Themen an, die vielleicht auch mal wehtun.

Der Hassprediger

Der Hassprediger versucht in seinem Bühnenprogramm aus dem Publikum Hassisten zu machen. Der Hassist ist Gläubgier der Religion, welche nach dem Hasstament gelehrt wird. Dies ist auch der einzige Kritikpuntk, den ich an den Abend stelle. Die Hülle des Programms ist zu undurchdacht als dass es dem Programm ebenwürdig wäre. Denn Serdar Somuncu hat es über die Jahre verstanden, wie man das Publikum auf eine Weise in einen Bann zieht, die seines Gleichen sucht.

Ich würde Sie bitten Ihre Handys auszumachen, wenn alle Fotos gemacht sind. Nicht wegen dem Müll auf Youtube, sondern weil ich die Zeit anhalten möchte. Für 2 Stunden möchte ich, dass Sie sich ins Hier und Jetzt begeben.

Vulgär bis philosophisch

Somuncu ist in Teilen sehr vulgär – glücklicher Weise nur in Phasen. Die Themen überstrecken sich über Aktuelles (Hoeness) bis Altes, was man aus vorherigen Programmen schon kennt. Es ist kein Comedy und auch kein Kabarett (Comedy für Golfer) – es ist sehr ernster Abend mit vielen gesellschaftsrelevanten Themen.

Wenn aus wiederholter Courage etwas entsteht, bei dem man nicht mehr überlegt, ob man ein Risiko eingeht oder nicht – dann entsteht so etwas, was wir eine Haltung nennen

Somuncu will bewegen und schiebt jeden an

Somuncu scheint Etwas bewegen zu wollen. Das merkt man ihm an. Sein Ziel ist etwas Höheres als 2 Stunden den Kasper zu geben. Es ist eher ein gesellschaftlicher Spiegel, der einem vorgehalten wird. Auf eine teilweise sehr offene und ehrliche Art und Weise – es mag im ersten Moment hart klingen, was er sagt. Ich befürchte allerdings, dies ist auch notwendig, um uns aus unserem Trancezustand zu holen.

Somuncu, der schon seit Jahren sagt „jede Randgruppe hat ein Recht darauf diskriminiert zu werden“, hat Recht. Und er macht Witze über Schwule, Lesben, Behindert, Frauen, Männer, Türken, Deutsche. Jeder bekommt sein Fett weg – und dies ist wichtig. Aber auch die Manipulation durch Medien oder das kleine Ein mal Eins, wie man ein Land durch Angst regiert, wird zum Thema. Am Anfang ist man vielleicht empört, am Ende wird man ihm zustimmen müssen.

Rhethorisch klug erarbeitet

Es ist an einem „lustigen Abend“ ein spannendes Phänomen, wenn die Stimmung so ernst wird, dass dem Publikum das Wort weg bleibt. Das Theater ist mit 1000 Sitzplätzen restlos ausverkauft. Dort, wo eben noch Leute tosend applaudierten, ist Ruhe – es ist so ruhig, dass man eine Stecknadel fallen hören würde. Die Luft steht förmlich – so tief, so ergreifend ist der Moment.

Somuncu bedient sich einem sprachlichen Element, welches man ggf. aus Vorträgen kennt. Er bedient sich einem Thema, öffnet das Publikum durch einen Lacher, oder einen Zweiten, um dann den Spiegel zur Reflektion zu zücken. Hut ab – obwohl das Programm kein festes Script hat, funktioniert dies immer und immer wieder.

Fazit

Serdar Somuncu ist auf der Bühne um Klassen besser, als man ihn ggf. von Comedy-Sendern kennt. Sein Potential kennt man eher von Politik-Talks.

Letztlich geht es um die Auseinandersetzung. Mit sich. Mit der Gesellschaft. Vielleicht auch nur mit Serdar. Jeder nimmt sich eben das mit, was er benötigt und für richtig hält.
Mich hat dieser Abend sehr bewegt und dafür bin ich dankbar, denn es war wirklich großes Theater.

Keine weiteren Beiträge

Send this to a friend