Offener Brief an Stern.de-Redakteur Volker Königkrämer zum Engelmann-Artikel

Ich beziehe mich auf Ihren Artikel auf Stern.de über Julia Engelmann. Wieso ich dies tue und warum ich das für wichtig halte, erkläre ich im nachfolgenden Text.

Sehr geehrter Herr Königkrämer,

als ich vor etwa 5 Wochen auf Stern.de Ihre Begeisterung über Julia Engelmanns las, war ich etwas enttäuscht. Ich konnte einfach nicht glauben, dass es Ihnen entgangen ist, wer das große Los mit dem Video gezogen hatte. Das Video hatte zu dem Zeitpunkt etwa 1 Mio Aufrufe und ich habe eingesehen, dass es sehr viele Menschen auch ohne mein Zutun erreichen wird. Das ist in Ordnung, ich bin Profi genug.

Wochen danach, nach dem NDR-Talkshow-Auftritt am vergangenen Freitag schreiben Sie nun, im letzten Absatz Ihres Artikels (den ich aus Gründen des LSR nicht zitiere), dass Sie Julia nicht den Zufall abkaufen. Das ist in Ordnung, Herr Königkrämer. Das müssen Sie auch nicht.

Was ich Ihnen ankreide ist, dass Sie Ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Es ist mir nicht entgangen, dass der Stern einen großen Bogen um die „Story“ gemacht hat. Aber Sie hatten die Chance es bei den Kollegen von der WELT, Berliner Morgenpost, Deutsche Welle, Hamburger Morgenpost oder gern auch bei Wikipedia nachzulesen. Was ich damit aufzeigen möchte, es hätte durchaus genug Quellen gegeben. Es ist vermutlich besser anzunehmen, dass Sie auf die Recherche verzichtet haben als Ihnen zu unterstellen diese unterschlagen zu haben.

Ich will es aber nicht unkommentiert stehen lassen, dass Sie unserer gemeinsamen Begleiterin Julia Engelmann ein Kalkül unterstellen. Ja, ich fühle mich angesprochen. Ich könnte jetzt sogar so weit gehen und Ihnen böswillig unterstellen, dass Sie mir indirekt unterstellen, ich würde die Wahrheit verzerren, wenn ich behaupte, ich hätte das große Glück gehabt. So weit möchte ich aber gar nicht gehen, auch wenn ich den letzten Absatz unpassend fand.

Ihren Vorwurf, dass Julia Engelmann Ihren Vortrag einstudiert hat, finde ich interessant. Was soll eine Schauspielerin denn Ihrer Meinung nach tun? Und was genau ist jetzt Julias Vergehen? Dass sie das Beste aus dem macht, was sie kann? Ist das wirklich Ihr Vorwurf? In einer Leistungsgesellschaft, wo man Kindern in der Schule beibringt, dass Sie stets das Beste versuchen sollen? Ich verstehe es nicht. Was ist daran falsch, wenn jemand aus seinen Mitteln, die er zur Verfügung hat, das Maximale rausholt? Machen Sie das nicht auch in Ihrer täglichen Arbeit? Wollen Sie nicht auch das beste Ergebnis erzielen? Wenn ja, frage ich Sie, warum halten Sie den Erfolg für kalkuliert? Ich gebe ja zu, dass ich diesen Vorwurf an Julia auch nicht mehr hören kann. Es ist so typisch deutsch, das Haar in der Suppe zu suchen. Wieso haben Sie mich nicht einfach kurz angerufen, so wie es Ihre Kollegen aus Print, Radio und TV auch gemacht haben? Wir hätten kurz plaudern können, Sie hätten das Video weiterhin ok finden können und den NDR-Auftritt für Käse. Das ist ok, ich fand den NDR-Auftritt auch nicht sonderlich, allerdings ist das für mich kein Drama.

Wenn Sie sich jetzt fragen sollten, wieso ich hier in die Bresche springe, das ist ganz einfach. Ich bin Blogger. Ich trage eine Verantwortung für das, was ich tue, was ich schreibe oder was ich unterlasse. Und ich kann es nur schwer unkommentiert stehen lassen, dass Sie da Frau Engelmann im Vorbeigang etwas angehen. Ich wüsste auch nicht, wer außer mir sich mit Ihnen über das Thema ernsthaft unterhalten sollte, auch wenn ich nur die Hälfte der Facebook-Interaktionen des Stern erreicht habe. Sollten Sie sich jetzt denken: „Ach komm, Du hast doch nur ein Video geteilt.“ – dessen bin ich mir bewusst, im Übrigen haben Sie nichts anders getan. Wir sitzen also im selben Boot. Ich denke aber, mit rund 150.000 kumulierten Likes, Shares und Kommentaren, und als Quelle allen Übels, ist es meine Pflicht, eine solche Leistung nicht einfach stehen zu lassen. Es hat durchaus Vorteile, wenn man nicht auf die Presse angewiesen ist, sondern die genauen Spitzen einer Geschichte kennt, weil man Teil von Ihr ist.

Herr Königkrämer, ich möchte Ihnen aber gar nichts Böses. Ich möchte Ihnen versichern, dass es Zufall gewesen war. Dies ist öffentlich lesbar und es steht mein Name drüber und drunter. Ich kann es nicht viel persönlicher machen. Ich stimme Ihnen zu, es gibt zu viel kalkulierten Mist in unserer heutigen Gesellschaft – keine Frage und mindestens genauso viele Fakes. Aber dies war kein Fake, kein Plan, keine Agentur. Diesmal – ausnahmsweise – nicht. Ich wusste nicht mal, wer Julia Engelmann ist. Ich kannte nicht einmal die Serie. Klingt blöd, ist aber so.

Sie sollen nicht zukünftig naiv durch die Welt laufen, aber lernen Sie wieder das Gute in Dingen zu suchen. Dies würde auch unserer Medienlandschaft wirklich gut tun. Die Menschen sehnen sich danach. Es mag vielleicht im ersten Moment nicht so viel Traffic bringen, aber dafür treue Leser. Jene, die es einem nicht verübeln, wenn man sich mal irrt. So wie es meine Leser mir nun verzeihen müssen, dass sie hier nicht den erwartenden Rant gelesen haben.

Ich wünsche mir für Sie, Herr Königkrämer, dass Sie den Glauben an das Gute nie verlieren werden.

Viele Grüße,
Kai Thrun

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